Ein gepflegte Erscheinung, perfekt gewählte Kleidung, guter Geschmack – mit diesen nicht immer eben leicht zu erfüllenden Anforderungen an die weibliche Styling-Kompetenz müssen sich Frauen seit Anbeginn der Modegeschichte herumschlagen. Dabei wurde auf die Frage, was denn eben unter dem Idealbild der Dame von Welt zu verstehen sei, in jeder Epoche sehr unterschiedliche Antworten gegeben, die „In-and-Out“ – Liste des späten Mittelalters sah anders aus als die des Rokoko, des Barocks oder die der Belle Epoque. Im 20. Jahrhundert begann sich das Modekarussell immer schneller zu drehen, eine Lady in einem gefälligen Outfit von 1905 war für die frechen Garconnes der wilden Zwanziger bereits ein Wesen von einem anderen Welt. In den yuppiehaft-dekadenten Achtzigern wollte keiner mehr wahrhaben, dass karierte Schlaghosen und geringelte Synthetikpullunder noch vor gar nicht langer Zeit in den 70ern voll im Trend lagen. In den Neunziger Jahren brachte man die Businesskostüme dann ganz schnell zur Schneiderin, um die überdimensionalen Denver-Clan-Schulterpolster herausnehmen zu lassen. Heute finden wir das irgendwie alles immer alles „retro“ und damit nicht uninteressant, spicken unsere aktuellen Looks mit Zitaten und Reminiszenzen aus diversen Dekaden und Epochen – und haben dennoch Schwierigkeiten, eine modische Richtung für das noch junge 21. Jahrhundert zu entdecken.
Um in den Revolutionen der Bekleidungskultur nicht völlig den Faden zu verlieren, sah man sich in jeder Ära nach aktuellen Stil-Ikonen der Damenbekleidung um. Dies waren z.B. Damen mit solch illustren Namen wie Madame Recamier, Sissi von Österreich, Kaiserin Eugenie oder die Herzogin von Windsor. Was sie trugen, wurde in den Zirkeln der besseren Gesellschaft eifrig kopiert. Später übernahmen diese Aufgabe Jacqueline Kennedy, Audrey Hepburn, Grace Kelly oder Lady Diana, und dank Presse, TV und Kino blieb ihr modischer Einfluss nun nicht mehr auf ein exklusives Grüppchen aristokratischer oder großbürgerlicher Personen beschränkt, sondern inspirierte Millionen von Zeitgenossinnen rund um den Globus. Natürlich erscheinen uns auch deren Looks aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts inzwischen ein wenig überholt, und es ist fraglich, ob mit einem Pillbox-Hütchen heute noch ein Blumentopf zu gewinnen wäre. Doch das liegt nur daran, dass diese Damen nicht mehr unter uns sind. Würden Madame Recamier und ihre schicken Schwestern im Jahr 2010 leben, könnten wir uns von ihnen sicher den einen oder anderen unschlagbaren Kunstgriff im Kleiderschrank abgucken. Doch was war eigentlich das Geheimnis dieser unglaublich gut gekleideten Frauen? Worin bestand der besondere Charme und die Ausstrahlung der Ladys, deren Erscheinung uns heute noch beeindruckt? Und warum verschwinden sie nicht aus unserem modischen Gedächtnis – jetzt, wo doch ganz andere Outfits von den Designern propagiert und beworben werden? Der Grund: Sie haben Prioritäten und Trends gesetzt. Unverwechselbarer Stil entsteht nicht, indem man Modediktate an erste Stelle rückt und die Persönlichkeit der jeweiligen Saison anpasst, sondern indem die Persönlichkeit der bestimmende Faktor bleibt und hervorsticht, egal was auf den Titelblättern von Vogue, Instyle und Harper’s Bazaar zu sehen ist. Mode ist damit keine Aufforderung, sondern ein Angebot, aus dem herausgesucht wird, was zum Typ passt, was selbst gefällt – und was Spaß macht. Die exzentrischen Ladys haben eindrucksvoll demonstriert, wie dieses Spiel funktionieren kann: Erinnert sei hier an Peggy Guggenheim, Marlene Dietrich, Diana Vreeland oder die in ihrer Anfangszeit geradezu revolutionär gekleidete Coco Chanel (die sich die Mode, die sie tragen wollte, erst einmal selbst erschaffen musste).
In Einklang mit der eigenen Individualität aus dem Angebot der Mode auszuwählen heißt aber nicht unbedingt, alle halbe Jahre in der ersten Reihe vor dem Laufsteg Platz zu nehmen und sich neu einzudecken. Denn es geht gar nicht immer nur um die neuesten Vorschläge der Haute Couture oder der Pret-a-porter-Kollektionen. Unverwechselbarer Stil bedeutet vielmehr, sich statt in einer, nämlich der Gegenwart, in drei Zeitzonen sicher zu bewegen, der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft. Die Gegenwart steuert aktuelle Elemente und Entwicklungen bei, ohne die jede Garderobe schnell fade und veraltet aussehen würde. Die Vergangenheit ist für das Repertoire der Klassiker und Basics zuständig, also für die unverzichtbaren zeitlosen Elemente, die immer tragbar bleiben und die einen Kleiderschrank auf grundsolide, geschmackssichere Füße stellen. Und die Zukunft schließlich liefert den ganz bestimmten Hauch von Avantgarde, der aus der gut angezogenen Lady auch eine Trendsetterin machen kann. Zeitgeist, Tradition aber auch der Blick nach vorn sind also gleichermaßen gefragt. So kristallisiert sich dann ein Stil heraus, der die persönliche Geschichte perfekt mit dem prozesshaften der Mode verbindet. Eine Mittdreißigerin braucht nicht zu verleugnen, dass sie schon ein paar Hypes mehr gesehen hat als eine Achtzehnjährige. Im Gegenteil, sie kann es in ihrer Kleidung zum Ausdruck bringen. Wer einen Retrolook noch als Original kennen gelernt hat, wird ihn bei seinem wiederholten Comeback anders tragen als diejenige, die ihn als neu, exotisch oder amüsant konsumiert. Die großen Meisterinnen des Stils bewegten sich mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen Gegenwart, Vergangenheit und der Zukunft. Sie waren gleichzeitig elegant und modern, konservativ und aufgeschlossen, zugeknöpft und wagemutig. Welche Mode-Sensationen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auf uns warten, wissen wir heute noch nicht. Womit wir uns aber schon einmal beschäftigen können, ist die Sichtung der zeitlosen Basics, der nie aus der Mode kommenden Klassiker, der ewigen Lieblingsstücke des Stils, die uns das 20. Jahrhundert hinterlassen hat. Einen Rundgang durch das Ankleidezimmer der Kostümgeschichte zu unternehmen, hier ein wenig auszumisten und dort vielleicht ein bisschen Staub abzuschütteln, hatten wir uns in diesem Internetprojekt vorgenommen – zuallerst aber wollten wir Lust auf Mode, Stil, Klamotten und alles, was zum Outfit so dazugehört schaffen. Wir wünschen viel Spaß damit!

